Elfmeterschießen: Regeln, Ablauf und Sonderfälle erklärt
Wie das Elfmeterschießen funktioniert: Reihenfolge, Schützenwahl, K.-o.-Phase, Torwartregeln und wann ein Schuss wiederholt werden muss.


Das Elfmeterschießen (in den Spielregeln korrekt Schüsse von der Strafstoßmarke) entscheidet eine K.-o.-Partie, die nach 90 Minuten und, sofern vorgesehen, nach 30 Minuten Verlängerung unentschieden steht. Es ist ausdrücklich nicht Teil des Spiels: Das Ergebnis wird offiziell als Remis gewertet, und die verwandelten Schüsse zählen weder in Torjägerlisten noch im Endstand. Der einzige Zweck ist die Ermittlung des Weiterkommenden. Die Prozedur ist bis ins Detail geregelt, und genau diese Details entscheiden häufiger als das reine Schützenglück.
Vor dem ersten Schuss lost der Schiedsrichter das Tor aus, auf das sämtliche Schüsse abgegeben werden. Ein zweiter Münzwurf bestimmt, welche Mannschaft beginnt; der Gewinner darf wählen, ob er zuerst oder zweiter schießt. Antreten dürfen ausschließlich Spieler, die bei Spielende auf dem Platz standen, einschließlich derer, die mit Erlaubnis kurzzeitig draußen waren. Nicht eingewechselte Ersatzspieler bleiben außen vor. Beendet ein Team die Partie mit weniger Spielern, muss das andere auf dieselbe Anzahl reduzieren: das Prinzip der Angleichung.
Der Zahlenausgleich hat eine Folge, die auf der Tribüne oft übersehen wird. Der Spieler, der zum Ausgleich der Mannschaftsstärke ausgeschlossen wird, verschwindet nicht einfach aus dem Spiel: Er ist laut Regel 10 der einzige Ausgeschlossene, der zurückgeholt werden darf, und das ausschließlich, um einen Torhüter zu ersetzen, der nicht weitermachen kann. Daneben gibt es einen Tausch, der jederzeit möglich ist, ganz ohne Verletzung oder Karte: Jeder berechtigte Feldspieler darf mit dem Torhüter einfach die Position tauschen, ohne dem Schiedsrichter eine Begründung zu schulden. Die Regel steht so, seit es Regel 10 gibt, und Trainer greifen außerhalb echter Notlagen selten darauf zurück, eher aus Gewohnheit als aus Zwang.
Fünf Versuche, dann plötzlicher Tod
Jedes Team hat fünf Versuche, abwechselnd und stets mit einem anderen Schützen. Die Serie endet in dem Moment, in dem eine Mannschaft uneinholbar führt: Steht es nach drei Runden 3:0, werden die restlichen Schüsse nicht mehr ausgeführt. Bleibt es nach je fünf Versuchen gleich, folgt das Prinzip des plötzlichen Todes, Runde für Runde, bis in einem Durchgang einer trifft und der andere nicht. Erst wenn alle berechtigten Spieler (Torhüter eingeschlossen) einmal geschossen haben, darf jemand ein zweites Mal antreten.
Haben die benannten Schützen beider Mannschaften einmal geschossen und steht es weiter unentschieden, beginnt der Zyklus von vorn, und die Reihenfolge dabei verwirrt selbst erfahrene Kommentatoren: Regel 10 verlangt, dass die Mannschaft, die die allererste Runde eröffnet hat, auch jede weitere volle Runde des Sudden Death eröffnet. Was sich ändert, ist die Reihenfolge der Schützen selbst, die jede Mannschaft vor jeder neuen Runde frei umstellen darf, ohne den Schiedsrichter zu informieren. Der bekommt ohnehin nie im Voraus mit, wer als Nächstes antritt: Er trägt das Ergebnis erst ein, nachdem der Ball schon getreten wurde, was jede Deutung eines "psychologischen Musters" in der Reihenfolge zur reinen Spekulation von der Tribüne macht.
Der einzelne Schuss folgt strengen Vorgaben. Der Ball ruht auf der Marke, elf Meter vom Tor entfernt, der Schütze wird dem Schiedsrichter benannt, alle übrigen Spieler warten im Mittelkreis mit seinem Radius von 9,15 Metern. Der Torhüter muss im Moment des Schusses mit mindestens einem Teil eines Fußes auf, über oder hinter der Torlinie sein und darf sich nicht an Pfosten, Latte oder Netz abstützen. Antäuschen im Anlauf ist erlaubt, nach abgeschlossenem Anlauf nicht. Nachschüsse gibt es nicht.
Ein Detail, das die Fernsehkamera fast nie zeigt: wo der zweite Torhüter der schießenden Mannschaft steht, also der Kollege des Schützen. Regel 10 verlangt, dass er auf dem Spielfeld bleibt, außerhalb des Strafraums, genau auf der Torlinie, an dem Punkt, an dem sie auf die Seitenlinie des Strafraums trifft: weder auf der Bank noch bei den übrigen Mitspielern, die Dutzende Meter entfernt im Mittelkreis warten. Es ist eine bewusst isolierte Position, gedacht, um jede zugerufene Anweisung während des Anlaufs des Gegners zu unterbinden, auch wenn die Regel selbst nur die Störung verbietet, die den gegnerischen Torhüter beeinträchtigt, nicht die stumme Geste.
Wann der Elfmeter wiederholt wird
Die Wiederholungsregeln werden am häufigsten missverstanden. Vergeht der Torhüter sich und der Schuss geht nicht hinein, wird wiederholt; ein zu früh eingelaufener Mitspieler des Schützen oder ein zu früh eingelaufener Abwehrspieler führt dagegen zu keiner Wiederholung: Beide stehen laut Regel 10 im Mittelkreis, und für das Elfmeterschießen ist dieses Vergehen dort schlicht nicht vorgesehen, anders als beim Elfmeter im laufenden Spiel. Eingeführt wurde das Verfahren Anfang der 1970er-Jahre, um Wiederholungsspiele und Losentscheide zu ersetzen. Deutschland kennt beide Seiten: das verlorene EM-Finale 1976 mit dem berühmten Heber, das gewonnene Halbfinale von Sevilla 1982, dazu unzählige Pokal- und Relegationsabende.
Die Verwechslung hat eine einfache Ursache: Der Elfmeter im laufenden Spiel und der Schuss im Elfmeterschießen unterliegen zwei verschiedenen Regeln, 14 und 10, und die zweite übernimmt nicht das gesamte Vergehenskatalog der ersten. Während des Spiels drängen Mitspieler des Schützen und gegnerische Abwehrspieler in einen Strafraum, in dem der Ball noch im Spiel ist, kämpfen um einen Abpraller. Beim Elfmeterschießen warten die neun Feldspieler jeder Mannschaft, die gerade nicht schießen, im Mittelkreis, mehr als 40 Meter vom Tor entfernt, und der geltende Text von Regel 10 behandelt ihre Bewegung dort schlicht nicht als Vergehen, das eine Wiederholung auslöst.
Was einen Schuss im Elfmeterschießen tatsächlich zur Wiederholung zwingt, ist kürzer als die verbreitete Legende. Erstens ein Vergehen des Torhüters, das dazu führt, dass der Schuss misslingt: Er wird beim ersten Mal verwarnt und bei jedem weiteren Mal verwarnt mit Gelber Karte, und der Schuss wird wiederholt. Zweitens eine unabsichtliche Doppelberührung des Schützen selbst, wenn der Ball trotzdem hineingeht, ein Fall, der weiter unten genauer beschrieben wird. Außerhalb dieser beiden Fälle, und eines Vergehens des Schützen nach dem Pfiff des Schiedsrichters, das als verschossen gewertet wird und Gelb für den Schützen bedeutet, kennt Regel 10 keinen weiteren Grund für eine Wiederholung.
| Situation | Elfmeter im laufenden Spiel (Regel 14) | Elfmeterschießen (Regel 10) |
|---|---|---|
| Wo die übrigen Spieler stehen | Mindestens 9,15 m von der Marke entfernt, hinter ihr, auf dem Spielfeld und außerhalb des Strafraums | Im Mittelkreis, beide Torhüter außerhalb davon |
| Ball prallt vom Torhüter, Pfosten oder der Latte ab | Der Schütze darf ihn erneut berühren und versuchen zu treffen | Es gibt keinen Abpraller: Der Schuss endet, sobald der Ball stillsteht, im Aus ist oder der Schiedsrichter abpfeift |
| Mitspieler des Schützen läuft zu früh ein | Nur strafbar, wenn es den Torhüter klar beeinflusst oder er den Ball spielt und das ein Tor erzeugt oder verhindert | Keine Wiederholung vorgesehen: Er steht im Mittelkreis, weit weg vom Geschehen |
| Abwehrspieler läuft zu früh ein | Nur strafbar, wenn es den Schützen klar beeinflusst oder er den Ball spielt und das ein Tor verhindert | Dieselbe fehlende Regelung: Regel 10 behandelt dieses Einlaufen nicht als Vergehen |
| Torhüter verlässt die Linie zu früh und entscheidet den Schuss | Verhindert er das Tor, wird der Schuss wiederholt | Der Schuss wird wiederholt; Verwarnung beim ersten Mal, Gelbe Karte bei jedem weiteren |
| Unabsichtliche Doppelberührung des Schützen, Ball geht rein | Der Schuss wird wiederholt | Der Schuss wird wiederholt |
| Unabsichtliche Doppelberührung des Schützen, Ball bleibt draußen | Indirekter Freistoß für die verteidigende Mannschaft | Der Schuss gilt als verschossen |
Die Tabelle zeigt etwas, das selbst langjährigen Fußballbeobachtern entgeht: Die beiden Regeln stimmen genau dort überein, wo der Ball den Fuß des Schützen bereits zweimal berührt hat, und sie trennen sich bei allem, was von der Bewegung Dritter abhängt. Das ergibt innerhalb der eigenen Logik jedes Moments Sinn. Während des Spiels ist der Strafraum ein umkämpfter Raum voller Spieler, die um Position ringen; beim Elfmeterschießen liegt der Boden zwischen Marke und Mittelkreis praktisch leer, und die Bewegung von jemandem 40 Meter entfernt zu regeln, würde bedeuten, das Nichts zu regeln.
Die unabsichtliche Doppelberührung: der Fall Julián Álvarez
Die Regel zur unabsichtlichen Doppelberührung ist in ihrer heutigen Form neu, und es lohnt sich, die zwei Szenarien zu trennen, in denen sie greift. Berührt der Schütze beim Schuss den Ball mit beiden Füßen gleichzeitig, oder trifft der Ball unmittelbar nach dem Kontakt sein eigenes Standbein, und geht der Ball trotzdem hinein, wird der Schuss wiederholt, sowohl beim Elfmeter im laufenden Spiel (Regel 14) als auch beim Elfmeterschießen (Regel 10). Geht der Ball nicht hinein, trennen sich die beiden Regeln: Im laufenden Spiel bekommt die verteidigende Mannschaft einen indirekten Freistoß; beim Elfmeterschießen gilt der Schuss einfach als verschossen, weil nach dem Ende der Serie nichts mehr neu beginnen kann.
Der Fall, der den IFAB zu dieser Klarstellung zwang, ereignete sich am 12. März 2025, im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales zwischen Atlético Madrid und Real Madrid im Metropolitano. Das Elfmeterschießen lief bereits, als Julián Álvarez beim Schuss ausrutschte; sein Standbein berührte den Ball noch einmal, fast im selben Moment, in dem er die Linie überquerte. Der Video-Assistent erkannte die Doppelberührung, und der Schiedsrichter erkannte das Tor nach der damals geltenden Auslegung ab, die jede zweite Berührung, ob absichtlich oder nicht, als Vergehen wertete, das den Schuss ungültig machte. Real Madrid gewann das Elfmeterschießen 4:2.
Die UEFA stellte die Entscheidung noch am selben Tag öffentlich infrage und brachte den Fall vor den IFAB. Am 2. Juni 2025 veröffentlichte das Gremium eine Klarstellung mit Verweis auf Rundschreiben 31: Ist die zweite Berührung eindeutig unabsichtlich, sei es mit beiden Füßen gleichzeitig oder mit dem Standbein direkt nach dem Schuss, und geht der Ball hinein, wird der Schuss künftig wiederholt statt annulliert. IFAB-Sekretär Lukas Brud schrieb, die alte Auslegung sei "nicht direkt in Regel 14 abgedeckt" gewesen und Schiedsrichter hätten Schützen für eine Berührung bestraft, die "in der Regel entsteht, weil sie ausgerutscht sind". Die Änderung sollte offiziell zum 1. Juli 2025 gelten, doch die UEFA wandte sie bereits im Nations-League-Halbfinale zwischen Deutschland und Portugal am 4. Juni an. Die FIFA übernahm sie sofort für die Klub-Weltmeisterschaft, die am 15. Juni 2025 in den Vereinigten Staaten begann, mit beiden Madrider Klubs unter den 32 Teilnehmern.
Zwei Irrtümer halten sich hartnäckig. Erstens ist das Elfmeterschießen keine reine Lotterie: Torhüter dürfen sich auf der Linie bewegen, Schützen werden per Videoanalyse profiliert, und die Statistik zeigt, dass Routine und Vorbereitung messbar helfen. Zweitens darf ein während der Serie verletzter Torhüter nur ersetzt werden, wenn die Mannschaft noch ein Wechselkontingent besitzt; andernfalls zieht ein Feldspieler die Handschuhe an. Der IFAB erprobte die ABBA-Reihenfolge von 2017 bis 2018 in Nachwuchsturnieren und englischen Pokalwettbewerben und verwarf sie mangels Rückhalt; geblieben ist das klassische, abwechselnde Format.
Der komplette Ablauf, und wer die Handschuhe überstreift
Die Liste der Schussberechtigten ist nach Regel 10 kürzer, als es sich mancher Trainer wünschen würde. Antreten darf nur, wer beim Schlusspfiff der Partie oder der Verlängerung auf dem Feld stand oder mit Erlaubnis des Schiedsrichters kurz draußen war; ein nicht eingewechselter Ersatzspieler bleibt auf der Bank, ohne Ausnahme. Ein Feldspieler, der sich während des Elfmeterschießens selbst verletzt und nicht weitermachen kann, darf nicht ersetzt werden, wenn die Mannschaft bereits alle erlaubten Wechsel der Partie verbraucht hat: Das Team tritt dann einfach mit einem Schützen weniger an, und diese Lücke wiegt oft schwerer als jedes taktische Detail, das vor der Serie besprochen wurde.
Für den Torhüter ist Regel 10 großzügiger, und verwirrender, als meist erzählt wird. Kann er nicht weitermachen, gibt es drei mögliche Wege. Der erste ist, einen Spieler zurückzuholen, den die Mannschaft zuvor zum Zahlenausgleich mit dem Gegner ausgeschlossen hatte, sofern das zutrifft. Der zweite ist eine normale Auswechslung, sofern die Mannschaft ihr Kontingent für die Partie noch nicht ausgeschöpft hat. Der dritte, der selbst dann bleibt, wenn die anderen beiden nicht greifen, ist der schlichte Positionstausch: Ein bereits auf dem Feld stehender berechtigter Spieler streift die Handschuhe über, der verletzte Torhüter geht vom Feld. Keiner der drei Wege verlangt mehr als eine kurze Meldung an den Schiedsrichter, und der dritte setzt nicht einmal eine Verletzung voraus: Jede Mannschaft darf, wenn sie will, ohne jede Notwendigkeit einen Feldspieler ins Tor des Elfmeterschießens stellen.
| Schritt | Was Regel 10 vorschreibt |
|---|---|
| Losentscheid für das Tor | Der Schiedsrichter lost das Tor aus, an dem alle Schüsse ausgeführt werden; eine Änderung erfolgt nur aus Sicherheitsgründen oder wenn Tor oder Rasen unbenutzbar werden |
| Losentscheid für die Reihenfolge | Ein zweites Los entscheidet, wer beginnt; der Gewinner wählt, ob seine Mannschaft zuerst oder als Zweite schießt |
| Zahlenausgleich | Die Mannschaft mit mehr Feldspielern reduziert sich vor Beginn auf die Zahl des Gegners, und der Schiedsrichter notiert Name und Nummer der Ausgeschlossenen |
| Wer schießen darf | Nur, wer beim Ende der Partie auf dem Feld stand oder mit Erlaubnis des Schiedsrichters kurz draußen war |
| Fünf Schüsse | Die Mannschaften schießen abwechselnd, stets mit einem anderen Spieler, bis alle Berechtigten einmal geschossen haben |
| Vorzeitiges Ende | Die Serie endet, sobald eine Mannschaft rechnerisch nicht mehr eingeholt werden kann, selbst wenn noch Schüsse ausstehen |
| Sudden Death | Steht es nach fünf Schüssen je Mannschaft weiter unentschieden, folgt ein Schuss pro Mannschaft und Runde, bis eine trifft und die andere in derselben Runde verschießt |
| Torhüter, der nicht weitermachen kann | Ersetzt durch einen beim Zahlenausgleich ausgeschlossenen Spieler, durch einen Ersatzspieler, falls noch ein Wechsel übrig ist, oder durch schlichten Positionstausch mit einem Mitspieler |
| Karten und Platzverweise | Können während des Elfmeterschießens vorkommen; ein vom Feld gestellter Spieler außer dem Torhüter wird nicht ersetzt, ein vom Feld gestellter Torhüter muss durch einen berechtigten Spieler ersetzt werden |
Woher das Elfmeterschießen stammt
Alles begann mit einem Losentscheid, den niemand wiederholen wollte. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko trennten sich Israel und Bulgarien im Viertelfinale nach Verlängerung unentschieden, und der Einzug ins Halbfinale wurde durch Losziehen entschieden: Jeder Kapitän zog einen Zettel aus einem Hut, einer beschriftet mit "ja", der andere mit "nein". Israels Kapitän Mordechai Spiegler zog den falschen, und Bulgarien zog weiter, ohne auf dem Platz irgendetwas entschieden zu haben. Der israelische Funktionär Yosef Dagan, empört über die Methode, schlug seinem Verband ein Format aus fünf abwechselnden Schüssen und anschließendem Sudden Death vor; der damalige Verbandspräsident Michael Almog nannte das Losverfahren "grausam", als er den Vorschlag vorantrieb.
Der IFAB nahm die Idee am 27. Juni 1970 an und beendete damit Jahrzehnte, in denen unentschiedene K.-o.-Duelle durch ein komplettes Wiederholungsspiel oder, im äußersten Fall, durch genau das Losverfahren entschieden wurden, das Israel eliminiert hatte. Das erste Elfmeterschießen im Profifußball folgte kurz danach, am 5. August 1970, im Halbfinale des Watney Cup, eines englischen Vorbereitungsturniers, zwischen Hull City und Manchester United. George Best eröffnete die Serie mit dem ersten verwandelten Schuss der Geschichte; Denis Law, ebenfalls von United, verschoss als Erster, gehalten von Hulls Torhüter Ian McKechnie. Manchester United gewann das Elfmeterschießen.
Bei der Weltmeisterschaft ließ die Premiere des Formats zwölf Jahre auf sich warten. Sie kam im Halbfinale 1982 in Spanien zwischen West-Deutschland und Frankreich, nach einem 3:3 in der Verlängerung, das der französische Fußball bis heute die Nacht von Sevilla nennt. Alain Giresse verwandelte den ersten Elfmeter der WM-Geschichte im Elfmeterschießen; Uli Stielike von der deutschen Mannschaft verschoss als Erster bei einer Weltmeisterschaft und sank auf dem Rasen zu Boden, in einer Pose, die sich in so vielen späteren Elfmeterschießen wiederholen sollte. West-Deutschland setzte sich 5:4 durch, Maxime Bossis vergab den entscheidenden Schuss für Frankreich.
Der Heber, der zur Legende wurde
Das moderne Repertoire an Elfmetervarianten hat eine symbolische Wurzel im Finale der Europameisterschaft 1976, zwischen der Tschechoslowakei und West-Deutschland, nach Verlängerung 2:2. Die ersten sieben Schüsse des Elfmeterschießens saßen, bis der Deutsche Uli Hoeness seinen über die Latte setzte. Beim Stand von 4:3 für die Tschechoslowaken trat Antonín Panenka zum fünften und entscheidenden Schuss an und wählte die riskanteste verfügbare Option: einen sanften Heber über den bereits zur Seite fliegenden Torhüter Sepp Maier. Die Tschechoslowakei gewann 5:3, und Panenkas Name wurde zum Synonym für die Geste selbst.
Im deutschsprachigen Fußball heißt genau diese Bewegung Heber oder Lupfer, und sie trägt dasselbe kalkulierte Risiko, das Panenka in jenem Finale von 1976 einging. Sie funktioniert, weil sie die übliche Logik des Duells umkehrt: Ein Torhüter, der sich zu früh festlegt und zu früh fällt, wird zur leichten Beute für einen Schützen mit genug kaltem Blut, um dem erwarteten Drehbuch nicht zu folgen. Sie scheitert, und scheitert deutlich, wenn der Torhüter stehen bleibt oder der Schütze bei der Wucht des Balls zögert, was erklärt, warum sie unter Elfmeterschützen vom Fach bis heute die Meinungen spaltet.
Das ABBA-Experiment
Die Idee zum ABBA-Format kam aus dem Tennis, genauer aus der Aufschlagreihenfolge im Tiebreak: Statt der klassischen Reihenfolge A, B, A, B sollte jedes Schusspaar A, B, B, A folgen, wobei abwechselnd wechselt, welche Seite innerhalb eines Paares als Letzte schießt. Ziel war, den Druck auf jene Mannschaft zu senken, die historisch als Zweite schießt und ständig das übertreffen oder egalisieren muss, was der Gegner gerade getan hat. Der IFAB genehmigte einen echten Testlauf, und das erste unter diesem Format ausgetragene Elfmeterschießen fand am 11. Mai 2017 statt, im Halbfinale der U17-Fußball-Europameisterschaft der Frauen zwischen Deutschland und Norwegen.
Von dort breitete sich das Format über die männlichen und weiblichen Nachwuchsturniere der UEFA im Jahr 2017 aus, über den englischen Community Shield desselben Jahres, über den League Cup und den EFL Trophy in England in der Saison 2017/18, und über die niederländischen Pokalwettbewerbe 2018/19. Eine Stichprobe von 36 im Jahr 2017 ausgetragenen Elfmeterschießen ergab ein fast perfektes Gleichgewicht zwischen beiden Seiten, 18 Siege für die Seite, die im klassischen Format zuerst geschossen hätte, und 18 für die andere Seite: genau das Gleichgewicht, das ABBA herstellen sollte, dort, wo das klassische Format historisch die zuerst schießende Seite bevorzugte.
Trotz des günstigen Ergebnisses entschied sich der IFAB, das Format nicht weiterzuverfolgen. Bei seiner jährlichen Sitzung im November 2018 in Glasgow gab das technische Gremium bekannt, dass ABBA für keinen Wettbewerb mehr zur Verfügung stehen sollte, mit dem Hinweis auf "fehlende breite Unterstützung, vor allem weil das Verfahren zu komplex ist". Übrig blieb das klassische, abwechselnde Format, und die meisten Fans bemerkten gar nicht, dass es zur Debatte gestanden hatte.
Bringt der erste Schuss wirklich einen Vorteil?
Die Frage wurde 2010 zum Gegenstand ernsthafter Forschung, als die Ökonomen Jose Apesteguia und Ignacio Palacios-Huerta in der American Economic Review die Studie "Psychological Pressure in Competitive Environments: Evidence from a Randomized Natural Experiment" veröffentlichten. Anhand von 129 Elfmeterschießen über drei Jahrzehnte fanden sie einen klaren Vorteil für die zuerst schießende Mannschaft: eine Siegquote von 60,5 Prozent, zurückgeführt auf den zusätzlichen psychologischen Druck auf jene Mannschaft, die stets auf das reagieren muss, was der Gegner gerade getan hat.
Der Befund überstand die nächste Prüfungsrunde nicht unbeschadet. 2012 veröffentlichten Martin Kocher, Marc Lenz und Matthias Sutter in der Fachzeitschrift Management Science eine Widerlegung mit dem Titel "Psychological Pressure in Competitive Environments: New Evidence from Randomized Natural Experiments", gestützt auf eine größere Stichprobe von 540 Elfmeterschießen. Der Vorteil der zuerst schießenden Mannschaft sank auf 53,3 Prozent, ein Unterschied, der statistisch nicht vom reinen Zufall zu unterscheiden ist.
Die bis 2025 größte veröffentlichte Stichprobe beendet die Debatte, solange keine größere Datenbasis auftaucht. 2025 veröffentlichte der Forscher David Pipke im Journal of Economic Psychology den Artikel "No evidence of first-mover advantage in a large sample of penalty shootouts", gestützt auf rund 7.000 Elfmeterschießen und 74.000 einzelne Schüsse, bei Weitem die bis dahin größte für diese Frage genutzte Datenbasis. Das Ergebnis fand keinerlei Vorteil, weder für die zuerst noch für die als Zweite schießende Mannschaft. Zuerst zu schießen mag weiterhin das Ego dessen schmeicheln, der den Münzwurf gewinnt, aber mit jeder größeren Stichprobe schrumpft der psychologische Effekt, den die erste Forschergeneration gemessen zu haben glaubte, bis er ganz verschwindet.
| Studie | Veröffentlicht in | Stichprobe | Gemessener Vorteil für den ersten Schützen |
|---|---|---|---|
| Apesteguia und Palacios-Huerta, 2010 | American Economic Review, Bd. 100, Nr. 5 | 129 Elfmeterschießen | 60,5 Prozent Siegquote |
| Kocher, Lenz und Sutter, 2012 | Management Science | 540 Elfmeterschießen | 53,3 Prozent, statistisch nicht signifikant |
| Pipke, 2025 | Journal of Economic Psychology, Bd. 108 | rund 7.000 Elfmeterschießen, 74.000 Schüsse | Kein Vorteil festgestellt |
Die Weltmeisterschaft und das Elfmeterschießen
Das Finale von 1994, im Rose Bowl von Pasadena, endete 0:0 zwischen Brasilien und Italien nach Verlängerung, das einzige WM-Finale ohne Tor nach 120 Minuten. Im Elfmeterschießen gewann Brasilien 3:2; Roberto Baggio, im Ranking um den besten Spieler des Turniers nur hinter Romário, setzte den entscheidenden Schuss über die Latte, ein Bild, das zum Sinnbild für die Härte des Formats wurde.
2006, im Berliner Olympiastadion, trennten sich Italien und Frankreich nach Verlängerung 1:1, wobei Zinedine Zidane in der 110. Minute wegen eines Kopfstoßes gegen Marco Materazzi vom Platz gestellt wurde. Im Elfmeterschießen gewann Italien 5:3; David Trezeguet war der einzige Franzose, der verschoss, sein Schuss klatschte an die Latte, und Fabio Grosso verwandelte den Schuss zum vierten Weltmeistertitel Italiens.
2022, im Lusail Stadium in Katar, trennten sich Argentinien und Frankreich nach Verlängerung 3:3, wobei Kylian Mbappé alle drei französischen Tore erzielte, einen Hattrick, und Lionel Messi zwei der drei argentinischen Tore erzielte. Im Elfmeterschießen gewann Argentinien 4:2; Kingsley Coman und Aurélien Tchouaméni verschossen für Frankreich, und Gonzalo Montiel verwandelte den Schuss, der Messi den Pokal brachte.
Die Weltmeisterschaft 2026, ausgetragen im Juni und Juli in den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada, wiederholte die Formel im eigenen Finale nicht: Spanien schlug Argentinien nach Verlängerung 1:0, am 19. Juli, im MetLife Stadium, mit einem Tor von Ferran Torres in der 106. Minute. Argentinien spielte bereits seit der Nachspielzeit der regulären Spielzeit in Unterzahl, nachdem Enzo Fernández wegen einer Grätsche gegen Pau Cubarsí die zweite Gelbe Karte gesehen hatte. Das Elfmeterschießen selbst entschied im Turnierverlauf immerhin vier Duelle: drei noch in der Runde der letzten 32, der neuen Phase des 48-Team-Formats, zwischen dem 29. Juni und dem 3. Juli (Paraguay gewann 4:3 gegen Deutschland, Marokko 3:2 gegen die Niederlande und Ägypten 4:2 gegen Australien), und eines im Achtelfinale, am 7. Juli (die Schweiz 4:3 gegen Kolumbien); vom Viertelfinale bis zum Endspiel brauchte keine Partie mehr Elfmeter.
| Jahr | Finale | Ergebnis nach Verlängerung | Elfmeterschießen | Detail |
|---|---|---|---|---|
| 1994 | Brasilien gegen Italien | 0:0 | 3:2 für Brasilien | Roberto Baggio setzte den entscheidenden Schuss über die Latte |
| 2006 | Italien gegen Frankreich | 1:1 | 5:3 für Italien | Zidane wurde vom Platz gestellt; Trezeguet traf die Latte, der einzige französische Fehlschuss |
| 2022 | Argentinien gegen Frankreich | 3:3 | 4:2 für Argentinien | Mbappé erzielte alle drei französischen Tore; Montiel verwandelte den Schuss zum Titel |
| 2026 | Spanien gegen Argentinien | 1:0 für Spanien | Kam nicht zum Elfmeterschießen | Ferran Torres entschied bereits in der 106. Minute der Verlängerung |
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1970 | Der IFAB nimmt das Elfmeterschießen am 27. Juni an und ersetzt damit Losentscheid und Wiederholungsspiel |
| 1970 | Erstes Elfmeterschießen im Profifußball: Manchester United schlägt Hull City im Watney Cup, am 5. August |
| 1976 | Antonín Panenka entscheidet das EM-Finale mit dem Heber für die Tschechoslowakei |
| 1982 | Erstes WM-Elfmeterschießen: West-Deutschland schlägt Frankreich im Halbfinale |
| 1994 | Erstes durch Elfmeterschießen entschiedenes WM-Finale: Brasilien schlägt Italien |
| 2017 | Der IFAB beginnt, die ABBA-Reihenfolge in Nachwuchsturnieren und englischen Pokalwettbewerben zu testen |
| 2018 | Der IFAB verkündet bei seiner Novembersitzung in Glasgow das Ende des ABBA-Tests und behält das klassische, abwechselnde Format |
| 2025 | Der IFAB ändert die Regel zur unabsichtlichen Doppelberührung am 2. Juni, nach dem Fall Julián Álvarez |
| 2026 | Die Weltmeisterschaft erlebt vier Elfmeterschießen, drei in der Runde der letzten 32 und eines im Achtelfinale; ab dem Viertelfinale keins mehr |
Drei WM-Finals, ein rund anderthalb Jahre lang getestetes und 2018 verworfenes Experiment zur Neuordnung, und eine akademische Kennziffer, die von 60,5 Prozent auf keinen nachgewiesenen Vorteil schrumpfte, erzählen aus unterschiedlichen Blickwinkeln dieselbe Geschichte: Wer auch immer das Elfmeterschießen reparieren wollte, mit Daten oder mit neuen Regeln, fand nie etwas, das den Tausch gelohnt hätte. Der Losentscheid wirkte zu willkürlich, ein komplettes Wiederholungsspiel zu teuer und zu ermüdend, eine neue Reihenfolge zu kompliziert für genau das Spiel, das sie reparieren sollte.
Geblieben ist also das klassische Format: abwechselnd, fünf Schützen je Mannschaft, danach Sudden Death. Es ist leicht anzusehen und grausam zu bestreiten, und genau diese Spannung ist der Grund, warum jeder Reformversuch wieder in der Schublade landete.
Wir haben einen veröffentlichten Satz über das Elfmeterschießen korrigiert. Er behauptete, ein Schuss werde wiederholt, wenn ein Mitspieler des Schützen oder ein Abwehrspieler zu früh in den Strafraum einlaufe. Das ist die Regel für den Elfmeter im laufenden Spiel (Regel 14), nicht für das Elfmeterschießen (Regel 10): Dort bleiben alle übrigen Spieler im Mittelkreis, und für dieses Vergehen ist keine Wiederholung vorgesehen.
Wir haben drei Angaben in diesem Ratgeber korrigiert. Zur WM 2026: Wir schrieben, "die Weltmeisterschaft erlebt vier Elfmeterschießen im Achtelfinale"; tatsächlich fanden drei dieser vier Elfmeterschießen in der Runde der letzten 32 statt (Paraguay, Marokko und Ägypten), nur eines im Achtelfinale (Schweiz). Zum ABBA-Test: Wir schrieben, der IFAB habe die Reihenfolge "zwischen 2017 und 2019" getestet; unsere eigene Quelle (Inside World Football) zeigt, dass das Ende im November 2018 verkündet wurde, der Test also zwischen 2017 und 2018 lief. Zum Ergebnis dieses Tests: Wir schrieben, das 18:18 in 36 Elfmeterschießen sei "genau die Verzerrung, die ABBA beheben sollte"; tatsächlich ist 18:18 das Gleichgewicht, das ABBA herstellen sollte, und die Verzerrung war der historische Vorteil für die zuerst schießende Mannschaft.
Korrektur (22.09.): Im Text wurden die Autoren der Studie von 2010 in umgekehrter Reihenfolge genannt; in der American Economic Review lautet die Reihenfolge Jose Apesteguia und Ignacio Palacios-Huerta.
Der Anfang des Absatzes über die Studie von David Pipke sagte „Die bislang größte und aktuellste Stichprobe beendet die Debatte, zumindest vorerst“, und der folgende Satz, „die größte je für diese Frage genutzte Datenbasis“, Bezüge, die sich mit der Zeit ändern; jetzt heißt es „Die bis 2025 größte veröffentlichte Stichprobe“ und „die bis dahin größte“ Datenbasis. Kein Fakt hat sich geändert.
Mehr lesen
- IFAB: Law 10 - Determining the Outcome of a Match (öffnet in neuem Tab)
- IFAB: Law 14 - The Penalty Kick (öffnet in neuem Tab)
- UEFA: Panenka makes his name as Czechoslovakia beat West Germany in EURO 1976 final shoot-out (öffnet in neuem Tab)
- IFAB: Clarification concerning double touches (öffnet in neuem Tab)
- FIFA: The Long Walk: The History of the Penalty Shoot-Out (öffnet in neuem Tab)
- American Economic Review: Psychological Pressure in Competitive Environments: Evidence from a Randomized Natural… (öffnet in neuem Tab)
- Munich Reprints in Economics, University of Munich: Psychological pressure in competitive environments: New evidence from randomized natural… (öffnet in neuem Tab)
- Kiel Institute for the World Economy: No evidence of first-mover advantage in a large sample of penalty shootouts (öffnet in neuem Tab)
- NPR: Spain is the 2026 World Cup champion, defeating Argentina for its 2nd title (öffnet in neuem Tab)
- Inside World Football: IFAB rules on time-wasting subs, handballs and penalty shoot-outs (öffnet in neuem Tab)
Häufige Fragen
- Zählen Tore im Elfmeterschießen zur Torschützenliste?
- Nein, das Elfmeterschießen ist ausdrücklich nicht Teil des Spiels und das Ergebnis wird offiziell als Remis gewertet. Die verwandelten Schüsse zählen weder in Torjägerlisten noch im Endstand des Spiels.
- Wie viele Elfmeter schießt jedes Team im Elfmeterschießen?
- Jedes Team hat fünf Versuche, abwechselnd und stets mit einem anderen Schützen. Die Serie endet schon vorher, wenn eine Mannschaft uneinholbar führt, etwa bei einem 3:0 nach drei Runden.
- Darf der Torwart sich beim Elfmeterschießen auf der Linie bewegen?
- Ja, der Torhüter darf sich auf der Torlinie bewegen, muss aber im Moment des Schusses mit mindestens einem Teil eines Fußes auf, über oder hinter der Linie stehen. Er darf sich dabei nicht an Pfosten, Latte oder Netz abstützen.
Der Newsletter von Soccer Addicted
Die neuen Ratgeber und was unsere Basis in der Woche gemessen hat, in einer E-Mail.






